Presse
Ti-ra-mi-su
Brigitte Elsner-Heller, Thurgauer Tagblatt, 29. März 2003
Wohl überlegt und frei gelassen
In ihrem zeitgenössischen Tanztheater «TiRaMiSu»
rollen Rebekka und Xenia Bogomolec Familiengeschichten auf, die Rollenzuweisungen
wohltuend widerstehen.
Steckborn - Als «Tanzabend über Liebe und Geborgenheit,
Konflikte und Verluste in familiären Beziehungen und das Finden
der eigenen Persönlichkeit» war die Choreografie «TiRaMiSu»
im Steckborner Phönix-Theater angekündigt. Das klingt nach
einer Lebensaufgabe, was sich die Choreografinnen Rebekka und Xenia
Bogomolec da ins Programm geschrieben hatten. Nach der Uraufführung
ist allerdings getrost zu behaupten, dass trotz der sperrigen Ankündigung
elementare Gefühle ohne Pathos in Bewegung und Handlung übersetzt
wurden - sodass nachvollziehbar war, warum die beiden 2001 mit einem
Förderpreis der Internationalen Bodensee-Konferenz bedacht wurden.
Mit «TiRaMiSu» sind grosse Themen konzentriert, teilweise
gar mit Witz verhandelt und in einen selbstverständlichen Fluss
des Geschehens - um nicht zu sagen: des Lebens - eingebettet worden.
Diese Wirkung entspringt zwei Vereinbarungen, die in der gesamten
Choreografie durchgehalten werden: Die vier Figuren, einerlei, ob
männlich oder weiblich, sind aufeinander bezogen, suchen die
Auseinandersetzung miteinander. Daher kommt es, selbst wenn es um
Verluste geht, nie zu Situationen, in denen Verbitterung aufscheint.
Zudem nimmt die Choreografie eine betrachtende Haltung ein, die sich
moralischer Wertungen wohltuend enthält.
Am Anfang war das Licht
Möglich ist dies dadurch, dass Rebekka und Xenia Bogomolec sich
vor einfachen Zuweisungen hüten und (Familien-) Stereotype vermeiden.
So verschwimmt das, was man im «Petersburgwalzer» spontan
als Mutter-Tochter-Beziehung deutet, bald in einen universellen Prozess
des Loslassens, der auch innerhalb ein und derselben Person zu denken
ist. Natalie Aurora Speer gibt die Gesetztere, Überlegtere, während
Xenia Bogomolec mit quirligen Bewegungen das Leben in Angriff nimmt.
Weiss ist die Farbe der Gewänder, sie vermittelt den Rückgriff
auf Ursprüngliches, so, als hätte es geheissen: Am Anfang
war das Licht. Die Musik von Meredith Monk löst sich indes wohltuend
von Sphärenklängen, wird irdischer.
Dem Tänzer Daniele Gullo D'Elia gehört der zweite Auftritt.
Das Stichwort «Familie» könnte dazu verführen,
an den Vater als einsamen Wolf zu denken, doch Rebekka Bogomolec hat
in ihrer Choreografie «Déja Donné» wiederum
von einfachen Zuweisungen abgesehen, auch wenn Musik und Bewegungsabläufe
technischer, weil starrer rhythmisiert, daherkommen. Mit den verschiedenen
Raumrichtungen spricht sie unterschiedliche Lebensphasen an, lässt
den Menschen (ob Mann oder Frau wird sekundär) unterschiedlich
beherzt ausschreiten, innehalten, Kraft aufbieten und diese auch geniessen.
Erst mit «Ephémère», was immerhin «vergänglich»
bedeutet, treten wieder zwei Schwestern zueinander in Beziehung, wobei
die Schwestern Rebekka und Xenia Bogomolec auch auf eigene Erfahrungen
zurückgriffen. Momente der Zuneigung oder Aggression werden mit
schöner Regelmässigkeit abgelöst durch Phasen des Einverständnisses
bis in die kleinste Bewegung. Zu deuten wäre dies auch im Sinn
zweier Aspekte einer Persönlichkeit, die männlich oder weiblich,
wild und sanft sein kann und sich nicht immer in Einklang mit sich
selbst befindet.
Eine ähnliche Konstellation wird in «Drei» ausgebreitet,
wobei in diesem Fall zu den beiden Polen eine verbindende Kraft gesellt
wird. Weich flatternd die farbigen Gewänder, raumgreifend kraftvoll
die Bewegungen.
Und als hätte nur dies
noch gefehlt: die These, dass Mann und Frau am Ende vielleicht doch
zusammenpassen. In «Ta-Bakiera» verschmelzen Daniele Gullo
D'Elia und Rebekka Bogomolec zu einem sinnlichen Pas de Deux, dem
der Tango Nuevo das Tempo vorgibt. Eine Erotik, die weniger knistert
als Wärme verbreitet. Liebe und Geborgenheit, im Titel des Tanzabends
gemeinsam aufgeführt: Hier sind sie wieder, und tatsächlich
in einem Atemzug zu nennen.
Ta-Bakiera
Brigitte Elsner-Heller, Thurgauer Tagblatt, 29. März 2003
"In «Ta-Bakiera» verschmelzen Daniele Gullo
D'Elia und Rebekka Bogomolec zu einem sinnlichen Pas de Deux, dem
der Tango Nuevo das Tempo vorgibt. Eine Erotik, die weniger knistert
als Wärme verbreitet. Liebe und Geborgenheit, im Titel des Tanzabends
gemeinsam aufgeführt: Hier sind sie wieder, und tatsächlich
in einem Atemzug zu nennen."
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